Geschwister und so, eine Liebeserklärung

Gerade heute Morgen hatte ich einen Text über den gestrigen Abend angefangen, als ich dann ziemlich passend bei Mama Miez las, dass heute tatsächlich Weltgeschwistertag ist – da muss der eigentlich geplante Konzertbericht von gestern, der nur einen kleinen Anteil geschwisterlicher Zuneigung beinhaltet hätte, noch ein bisschen warten.

Ich habe einen Bruder, einen „kleinen“, wobei die Anführungszeichen seiner körperlichen Größe geschuldet sind. Tatsächlich ist er mir nämlich vor gut zwei Jahren im Alter von 14 über den Kopf gewachsen.
Das sorgte zuverlässig für einen weiteren Streitpunkt zwischen uns, denn bei jeder Autofahrt gab es Diskussionen, wer nun vorne sitzen dürfe – zuvor hatte ich jegliche Diskussionen noch abwürgen können. Als er dann jedoch größer war als ich, da gingen mir die Argumente aus, aber hinten sitzen wollte ich deswegen trotzdem nicht; irgendwie empfand ich das als Einschränkung meiner Rechte als große Schwester.

Ungeachtet jedoch dieser Kabbeleien, ungeachtet der Tatsache, dass mein kleines Bruderherzchen locker die größter Ranterfutt ever ist, und trotz aller Zickereien, die zwischen ständig zusammenlebenden Menschen nicht zu vermeiden sind, ist er einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben – wenn nicht der wichtigste.

Wir denken so oft dasselbe, wir lachen über die gleichen blöden Sprüche und häufig müssen wir uns nur ansehen um zu wissen, was der andere denkt. Wir reden über fast alles, und er lässt mich sogar an sein Handy – das ist vermutlich von einem Sechzehnjährigen eines der größten Komplimente, die man so kriegen kann.
Wenn er müde ist und wir alleine sind, kuschelt er sich bei mir an oder versucht, wenn ich ihn morgens wecke, mich in sein Bett zu ziehen damit er noch länger liegen bleiben kann. Auf diese enge Bindung, auch auf körperlicher Ebene, ist Mama manchmal fast neidisch, denn (wie sollte es bei einem hochpubertären Jungen anders sein) die Beziehung zwischen den beiden ist zur Zeit fast nur anstrengend und von Streit geprägt. Das Geschwisterverhältnis ist einfach ein besonderes. Auch finde ich uns in vielem wieder, was Mama Miez schrieb – diese Hilfsbereitschaft mir gegenüber, zum Beispiel, dass er mir sogar das Frühstück ans Bett bringt, wenn ich ihn darum bitte. Na ja, jedenfalls, wenn er mal vor mir aus dem Bett kommt. Aber würde Mama ihn darum bitten, müsste sie schon Glück haben damit er ja sagt.

Als sich vor sechs Jahren unsere Eltern trennten, war es vor allem er, der mir geholfen hat, damit fertig zu werden. Gar nicht mal bewusst, sondern einfach, weil er da noch (und da auch tatsächlich noch im körperlichen Sinne!) mein Kleiner gewesen ist, weil ich seine große Schwester war und weil unsere Mutter zu der Zeit nicht so richtig zu irgendetwas zu gebrauchen war.
Bis heute kann ich mit niemandem so gut über Papas Lebensgefährtinnen lästern, und das in ihrer Anwesenheit, ohne auch nur ein Wort zu verlieren! (So schlimm sind die gar nicht, aber sie haben eine Zeit lang schnell gewechselt und dem sind wir mit Humor begegnet)

Unser Verhältnis ist ein besonderes, auch im Vergleich zu dem, was ich von Freunden oder Verwandten und deren Geschwistern mitbekomme. Und auch wenn mein Bruder behauptet, er könne es kaum erwarten, dass ich endlich aus- und in meine eigene Wohnung ziehe, weiß ich genau, dass er mich schrecklich vermissen würde. So, wie ich ihn.

Wer löscht denn dann den Toaster, wenn der plötzlich in Flammen steht als ich mir Abendessen machen will? Wer sorgt mit seinen langen Armen dafür, dass beim Walk-Off-The-Earth-Konzert keine Luftballons in meine Nähe kommen (Bericht folgt)? Wer signalisiert mir stumm, dass auch ihm sich die Fußnägel aufrollen werden, wenn eine Bekannte noch ein weiteres Mal „Ich muss ‚wieso noch einkaufen gehen“ sagt? Und mit wem bitte könnte ich mich besser (und sinnloser) mit saudämlichen „Deine Mudda“-Sprüchen battlen?

Ich könnte hier noch viel mehr schreiben. Davon, wie er mich aufregt, weil er so unfassbar faul, ignorant und unsensibel ist. Wie ich  häufig nur noch den Kopf schütteln kann vor so viel Schusseligkeit und Dreistigkeit. Wie wütend er mich machen kann und wie er immer wieder meine Nerven bewusst und absichtlich aufs Äußerste strapaziert.
Aber auch davon, wie viel stärker das Gefühl von Stolz ist, wenn er sich an mein Klavier setzt und einfach mal so Musik nachspielt. Wie sehr ich mich freue, dass er jetzt endlich Freunde gefunden hat, mit denen er Musik macht. Wie sehr ich mich freue, dass er mir bedingungslos vertraut, weil wir beide wissen: Wenns wichtig ist, dann können wir uns aufeinander verlassen.

Ganz egal, wie oft ich unglaublich genervt von ihm bin – und das bin ich wirklich, wirklich oft – ich liebe mein Blondchen über alles. Deshalb diese kleine Liebeserklärung.

Advertisements

4 Gedanken zu “Geschwister und so, eine Liebeserklärung

  1. Schöner Text und ich kann es sehr gut nach empfinden… Bin auch die große Schwester und hab eine enge Bindung zu meinem Brüderchen. Aber sie werden soooo schnell erwachsen. Doch egal wie dicht sein Bärtchen noch wächst (mit 24 Jahren wohl normal, hehe), wenn er mich anschaut seh ich ihn immer noch als kleinen Bengel, dem ich in der Badewanne den Kopf zurück halten musste, wenn Mama ihm die Haare waschen wollte 🙂

    Geschwisterliebe ist was großartiges ❤

    Lg Sarah von mamagogik.wordpress.com

    • Vielen Dank!
      Ich denke, du hast ganz recht, von einem Bärtchen ist bei meinem zwar noch nichts zu sehen, aber mein Kleiner wird er immer bleiben, egal, wie groß er noch wird 😉

      Liebe Grüße!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s