Viele graue Wolken

Als er mit Papa den Raum betritt, breitet sich unbehagliches Schweigen aus und schlagartig sinkt die Raumtemperatur gefühlt in den einstelligen Bereich. Was nicht fair ist, denn er hat doch gar nichts getan! Trotzdem fühlt er sich schuldig, denn Mama verlässt wutschnaubend den Tisch, an dem vorher noch alle gemeinsam gesessen und geredet haben. Seine Tante wirft ihrer Tochter einen Blick zu, die schüttelt seufzend den Kopf. Nein, einfach ist das wohl für niemanden.

Kurz schließt er die Augen, im selben Moment beginnt sein Onkel damit, Papa in ein Gespräch zu verwickeln. Wo sie denn gewesen seien, wie der Urlaub war. Was soll er denn dazu sagen? Papa ist doch schließlich der Böse, darf Urlaub mit dem überhaupt schön sein?
Stoisch starrt er auf die Torte und sagt gar nichts, während sich die Stimmung lockert. Langsam, sehr langsam, und bloß nicht zu laut lachen; schließlich ist Mama hier noch irgendwo und die wird sauer, wenn man sich zu gut mit Papa versteht.
Er kanns ja verstehen, dass sie sich einsam fühlt und verlassen. Dass sie den Rückhalt aus ihrer Familie, von ihren Geschwistern braucht. Aber er merkt auch ganz deutlich, dass sie es übertreibt. Es sind schon Jahre vergangen, und sie kann doch nicht erwarten, dass alle um sie herum Papa mit Nichtachtung strafen! Und auch für ihn selbst ist das alles nicht leicht, ist es zu viel verlangt, dass sie auch das mal beachtet?

Aber so weit denkt er normalerweise gar nicht, nützt ihm ja auch nichts. Er ist nicht in der Position, da mit ihr zu reden, und es ist für alle leichter, wenn er einfach das tut, was sie erwartet, was sie braucht (oder meint zu brauchen). Schade nur, dass sie so schwierig einzuschätzen ist. Man kann nie genau wissen, ob man gerade besser still sein sollte oder ob sie ihre Gute-Laune-Maske aufsetzt und man Spaß hat. Es ist anstrengend, immer aufmerksam zu sein.

Gerade, als es im Wohnzimmer wieder fast nett ist, fast schön sein könnte, hört er Mama die Tür zum Flur zuschlagen. Anklagend steht sie neben dem Esstisch und lässt ihren Blick durch die Runde schweifen. Diesen Blick, der ohne Worte so viel Enttäuschung vermittelt, so viel Wut. Papa streift dieser Blick bloß, gewürzt mit einer ganzen Menge Verachtung, als sie tief Luft holt. Doch noch bevor Mama auch nur einen Ton sagen kann, schiebt seine Cousine geräuschvoll ihren Stuhl nach hinten und steht auf. Kurz schaut sie Mama an, aber er kann diesen Blick nicht deuten; dann kommt sie auf ihn zu.
„Kommst du mit aufs Trampolin?“
So ganz geheuer ist ihm seine Cousine noch nie gewesen, dafür sehen sie sich zu selten und außerdem ist sie mit ihren zwanzig Jahren auch fast doppelt so alt wie er. Aber als er das Mitgefühl in ihren Augen sieht, erinnert er sich, dass auch ihre Eltern sich getrennt haben, da war sie gerade so alt wie er heute.

Dankbar nickt er und geht ihr voraus in den Garten. Durch die Terrassentür, die seine Cousine hinter sich hat zufallen lassen, hört er Mamas Stimme – zwei Oktaven höher als normalerweise, er will das nicht hören.
Als er den ersten Schuh ausgezogen hat, bemerkt er, dass es regnet. Mit zusammengezogenen Augenbrauen schaut er in die grauen Wolken, die so gut zur Stimmung im Wohnzimmer passen.
„Belle… Es regnet!“
„Na und? Zieh die Socken halt auch aus, das bisschen Regen macht uns doch nichts!“

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Ein Gedanke zu “Viele graue Wolken

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