Bahnhofspoesie?

Ein klitzekleiner Bahnhof, irgendwo im Nirgendwo. Weitab von jeglicher Zivilisation muss Belle auf ihren Zug in die Unistadt warten, während es um sie herum immer dunkler wird. Bald kann sie kaum noch die Hand vor Augen erkennen, ist es wirklich erst zwanzig nach neun? Die Wolken tun wahrscheinlich ihr möglichstes, die triste Stimmung aufrecht zu erhalten.

Als das leise Ding-Ding-Ding vom Bahnübergang ertönt, das das Schließen der Schranken ankündigt, weiß sie nach einem kurzen Blick auf die Uhr, dass das noch nicht ihre Regionalbahn ist. Kurz darauf sieht sie einen Güterzug in der Ferne auf den Bahnhof zukommen.
Hier, in der Provinz, fahren die Züge erschreckend schnell durch die Bahnhöfe. In der nächstgrößeren Stadt wird man immerhin noch durch Lautsprecheransagen gewarnt, „Schnelle Vorbeifahrten“ heißt es da. Aber hier sind die Lautsprecher nur Attrappen, und die Leuchtanzeigen geben Auskunft über nichts als die Uhrzeit.

Die Schienen zischen unheilvoll, das Geräusch würde sie unter tausenden erkennen – oft genug hat sie in der Heimat schon an einer der Bushaltestellen entlang der Gleise gesessen und gewartet. Und schon immer hatte sie eine gewisse Ehrfurcht empfunden vor den großen Maschinen, die dort scheinbar unbeirrbar Waggon an Waggon durch die Landschaft zogen und mit ihrer Kraft und ihrem Gewicht den Boden unter ihren Füßen zum Beben und die Schienen zum Knirschen brachten. In der Heimat allerdings fahren die Güterzüge langsam, „unbeirrbar“ ist also an der Realität etwas vorbei. Hier ist das anders.
Der herannahende Zug bringt die Gleise nicht zum Knirschen, stattdessen Kreischen sie ohrenbetäubend. Der Zug fährt viel zu schnell viel zu nah an Belle vorbei, raubt ihr den Atem. Der irrationale Drang, den Arm auszustrecken und einen der Güterwaggons zu berühren, erschreckt sie; mehr noch als die Feststellung, wie ungeschützt die Gleise sind. Ungeschützt zu den Wartenden hin, wo sonst kommt man so nah an so schnelle Fahrzeuge heran?
Belle schluckt, eine letzte Windböe wirbelt ihre Haare unbekümmert durch die Luft, danach ist Stille. Als wäre nichts gewesen heben sich die Schranken (nicht, dass irgendjemand davor gestanden und gewartet hätte, nicht mehr um diese Uhrzeit und erst Recht nicht hier), nur um sich kurz darauf für die nahende Regionalbahn wieder zu senken. Wie gut, dass die langsamer wird und anhält, statt bloß vorbei zu rauschen.

Müde und noch immer mit klopfendem Herzen steigt sie ein, gerade, als es anfängt zu regnen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s