Das Grauen hat einen Namen…

… und zwar den des Mitbewohners. Ehrlich jetzt, hätte ich das vor meinem Einzug auch nur geahnt, dann hätte ich Abstand genommen vom Projekt „Umzug in die Unistadt“. Abstand von hier bis zum Mond, mindestens! Aber fangen wir lieber von vorne an.

Ich habe tausendfach betont, dass ich es wesentlich angenehmer finde, einen ruhigen Mitbewohner zu haben, als einen, der ständig Müll und Dreck in der Wohnung macht. Im Prinzip ist das auch weiterhin so.
Wenn aber besagter Mitbewohner die Küche grundsätzlich niemalsnie betritt, dann könnte man vielleicht schon stutzig werden. Wo lagert denn das Herzchen wohl seine Lebensmittel? Oder ernährt es sich ausschließlich von Knäckebrot und H-Milch? Fragen über Fragen, aber meine Güte – soll dat Kerl doch machen, was er will. Ist weder mein Problem noch meine Angelegenheit.
Die Situation spitzte sich zu, als meine goldgelockte, hinreißende Mitbewohnerin ihn freundlich (völlig ohne Ironie, sie war wirklich lieb und nett!) bat, seine Müslischale bitte-danke nicht mehr im Badezimmer zu spülen, weil wir nämlich ein Problem mit Haferflocken im Waschbecken hätten und die Küche auch nur einen Meter weiter den Flur runter sei. Ab dem Zeitpunkt traute er uns offenbar kein bisschen mehr über den Weg. Das einzige Indiz seiner Anwesenheit waren über Wochen hinweg bloß zügige Schritte den Flur entlang, wenn sowohl die Mitbewohnerin als auch ich in unseren Zimmer waren. Da wir jedoch nicht nur in unseren Zimmern wohnen, sondern fast immer die Türen geöffnet sind und wir uns sogar unterhalten, wurden diese Gelegenheiten für ihn immer seltener, und seine Besuche im Badezimmer leider analog dazu auch.
Soviel zur Vorgeschichte. Inzwischen ist vorlesungsfreie Zeit (falls das jemand noch nicht mitbekommen haben sollte, ich erwähne das aber hin und wieder mal) und der Mitbewohner ist bis Oktober von dannen gezogen. Nicht, dass er sich abgemeldet oder verabschiedet hätte, dazu hätte er ja mit uns kommunizieren müssen. Wir sind einfach davon ausgegangen, weil man nichts von ihm hörte und er auch auf Zuruf nicht reagierte. Gestern rief ich dann aus der WG die Mitbewohnerin an.

Ich: Du, Mitbewohnerin, bist du sicher, dass unser Quotenphysiker nach Hause gefahren ist?
Sie: Nee, sicher bin ich nicht, wieso?
Ich: Ich fürchte, er verwest in seinem Zimmer vor sich hin…

Folgender Sachverhalt: Schon über zwei Tage hinweg hatte ich immer mal wieder einen unangenehmen Geruch wahrgenommen, wenn ich durch die Wohnung gegangen war. So ein bisschen süßlich, wie vor sich hingammelnde, feuchte Handtücher vielleicht. Noch nicht wirklich schlimm, aber ein wenig besorgniserregend dann doch.
Und als mich dieser Hauch dann auch noch bis in mein Bett und bis in die Küche verfolgte, ging ich der Sache auf den Grund – Jackpot, der Geruch kroch unter der Zimmertür des Mitbewohners her.

Ich finde Privatsphäre super, ganz ehrlich. Aber das konnte ich wirklich nicht einfach so stehen lassen, so lieb mir das gewesen wäre. So zog ich also, bewaffnet mit Mundschutz und Einweghandschuhen, in feindliche Gefilde. Und war sprach- sowie fassungslos.

Das erste, was ich sah, war ein Schwarm Obstfliegen am Fenster. Ein wirklich beeindruckend großer Schwarm Obstfliegen. Als ich mich von Ekel geschüttelt (ich mag keine Obstfliegen, ich hab nichts gegen sonstiges Kriechgetier, aber ich hasse Obstfliegen!) auf meine Atmung konzentrieren wollte, knockten mich allerdings gewisse Ausdünstungen fast vollständig aus. Das liebliche Aroma eines Haufens augenscheinlich dreckiger (Unter-)Wäsche und Handtücher, gepaart mit sauerer Milch und vergammeltem Obst, das alles in einem vier Wochen lang nicht gelüfteten Zimmer im Sommer mit Fenster auf der Südseite, ließ mich nur deshalb nicht zu Boden sinken, weil ich schon vorher einen Blick auf besagten Boden geworfen hatte – da wollte ich unter keinen Umständen jemals hinsinken.
Ich öffnete die Tür, verließ das Zimmer um kurz Luft zu schnappen, und wagte mich in die zweite Runde. Mission: wenigstens bis zum Fenster kommen und frische Luft ins Zimmer lassen!
Vor dem Schreibtisch am Fenster erwartete mich allerdings der nächste Schock: Das hier war kein Wohnraum, das war eine Müllhalde! Über zehn gefüllten Mülltüten kreiste der hungrige Obstfliegenschwarm, angelockt von Salami und Toastbrot mit Schimmelpelz, süßlich-gammelig duftendem Obst und einer geöffneten (!) Packung Milch.
In den Augen der inzwischen angereisten Mitbewohnerin sah ich denselben Brechreiz, der auch mir zu schaffen machte – „mal eben wegräumen“ war hier garantiert nicht. Wir öffneten das Fenster einen Spalt weit, gerade so, dass wir es bei Regen nicht zwangsläufig wieder zumachen müssten, und traten den Rückzug an. Fluchtartig.

Draußen angekommen drückte ich ihr das Telefon in die Hand und sagte, mühsam beherrscht: „Ruf den Kerl an. JETZT. Wenn ich das mache, traut der sich nie mehr zurück.“ – „Wär ja vielleicht auch nicht das schlechteste…“ Todesblick. „Okay, okay, ich ruf an.“
Und während sie sich vom Mitbewohner erklären ließ, dass er vielleicht (!) ein bisschen (!!) Obst (!!!) vergessen habe, das nun für diese olfaktorische Belästigung in Biowaffenausmaß verantwortlich sei, dichtete ich die Tür weitgehend mit Handtuch und Gaffer-Tape ab.
Man nimmt ja, was man kriegen kann.

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Ein Gedanke zu “Das Grauen hat einen Namen…

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