Vom Scheitern.

Belle ist gescheitert, grandios. Jedenfalls in der Königsdisziplin des Semesters, der anstrengenden, erschöpfenden, umfassenden Algebra-Vorlesung. Das schmerzt mehr als befürchtet, obwohl davon schon direkt nach der Klausur auszugehen war. Das eigene Unvermögen schwarz auf weiß vor sich zu haben, während um einen herum Kommilitonen erleichtert aufatmen, verstärkt ungesunde Tendenzen.

Denn ich weiß genau, wem ich all das zuzuschreiben habe: Ich hätte mehr tun können, mehr tun sollen, mehr tun müssen. Dafür kann und will ich niemandem sonst die Schuld geben, das wäre zu einfach – und so bleibt nur die Verachtung dieses Mädchens, das ich nie sein wollte, das ich aber irgendwie irgendwann geworden bin. Wo kommt die eigentlich her?

Mitten in diesen Gedanken, in verzweifeltem Schluchzen in des Freundes Wohnung auf dem Sofa, in der Überlegung, ob ich die Wiederholungsklausur dieses Semester schreiben oder die Vorlesung lieber noch einmal hören möchte, schiebt sich erneut diese eine Erkenntnis: Ich kenne das Mädchen gar nicht richtig, das ich geworden bin.
Und das ist gar nicht mal so positiv gemeint, wie es mal klang, als vor einem guten halben Jahr der Freund mein Herz erobert hatte. Dieses gestresste Mädchen, das sich nach dem Wochenende sehnt und keine Lust hat, zur Uni aufzustehen, das möchte ich nicht sein. Und das war ich auch so lange nicht!

Ich bin so gern zur Uni gegangen, ich habe so gern gelernt und neues gehört. Wo ist das hin? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich dringend daran arbeiten sollte, wenn ich den Rest meines Studiums nicht grauenhaft finden möchte. Nur: wie könnte das aussehen?

Algebra werde ich sicherlich in einem Jahr noch ein zweites Mal hören, denn in den Semesterferien stehen nach den Klausuren eine Operation, ein Umzug und eine ausufernde Projektarbeit an, bevor schon im September der Mathe-Vorkurs und damit der shk-Job wieder beginnt. Nebenher noch für eine belastende Klausur lernen? Bitte nicht, wann denn auch.
Es wird auch keine weiteren Semester geben, in denen ich drei Übungsblätter die Woche abgeben muss, das übersteigt nämlich ganz offensichtlich meine Leistungsfähigkeit. Auch dieses Geständnis schmerzt, denn es kommt mir feige vor, möglicherweise weniger Arbeit als „normal“, also als meine Kommilitonen zu haben. Aber ist es nicht wesentlich feiger (kann man feige eigentlich steigern?), sich durch ein Studium zu quälen, bloß weil mans halt so macht?
Ich habe nicht vor, die nächsten zehn Jahre zu studieren (ein Geschichtstudent vor uns sprach heute davon, dass er im 25sten Semester Geschichte studiere, das hat sowohl mich als auch den Freund in sprachloses Staunen versetzt), aber ich arbeite daran, mich von der Prämisse „in Regelstudienzeit durchkommen“ zu lösen. Natürlich wäre es problematisch, eben das nicht zu schaffen, allein finanziell gesehen – BAFöG gibts schließlich mit Ausnahmen nur in Regelstudienzeit. Aber ist es das wert, so unter den Semestern zu leiden wie ich es, realistisch gesehen, in den letzten paar Monaten getan habe? Ich glaube nicht.
Das werde ich aber wohl mit der Familie besprechen müssen.
Zudem steht derzeit im Raum, entgegen früherer Beteuerungen, das fürchterliche Nebenfach auszubauen. Das ist zwar nicht besonders spaßig, aber garantiert die stressfreiere Variante. Denn seien wir ehrlich: die meisten wirtschaftswissenschaftlichen Veranstaltungen lassen sich weniger arbeitsintensiv überstehen als jede einzelne Mathematik-Veranstaltung. Und vielleicht ist es das dann tatsächlich wert.

Denn ich möchte den Menschen, der ich bin, wieder mögen. Nicht zwangsläufig gut kennen, aber ich möchte glücklich sein mit dem, was er ist; mit dem, was ich bin.

Glücksmomente 29/2015

Eine weitere Runde Glücksmomente:
Am Montag durch dicke, schwüle Luft gelaufen, als es plötzlich begann, mit dicken Tropfen zu regnen. Angst vor Blitz und Donner ignoriert und durch den Regen um die Uni gelaufen, das war herrlich; dann waren wir Dienstagabend bei den aktuellen Mietern unserer zukünftigen Wohnung und haben den Übernahmepreis für die Küche besprochen. Das bedeutet, wir haben nun offiziell eine Küche für die neue Wohnung und Belle könnte durch die Decke gehen vor Freude. Yeah!
Nach einem langen Unitag am Donnerstag nötigte ich den Freund, mit mir spazieren zu gehen. Ich brauchte eine Dosis Sonne und Wind, nachdem wir entspannte zwölf Stunden in den Räumen der Universität verbracht hatten. Der Weg führte uns querfeldein, später durch Sträucher, Zäune und Brennnesseln. Das kann glücklich machen? Aber ja doch! Auch wenn der Freund teilweise etwas unglücklich drein schaute, ich fühlte mich wie in meiner Kindheit, als wir durch mannshohes Gras über die Weiden hinter Oma Belles Bauernhaus stromerten. Ein ganz dicker, erinnerungsbedingter Herzpochmoment, als wir dann später außer Atem wieder auf befestigten Wegen ankamen (Ich fürchte allerdings, der Freund wird für diese Route wohl kein weiteres Mal zu begeistern sein).
Kurz darauf fanden wir eine Bank in der Sonne, er legte seinen Kopf in meinen Schoß und wir genossen gemeinsam die untergehende Sonne. Es gibt ein wundervolles Lied von den Webb Sisters, in dem sehr treffend formuliert wird „I always know what’s right when you’re in my arms“. Das trifft den Nagel so sehr auf den Kopf und deshalb ist jede Sekunde, die der Freund in meinen Armen genießen mag, irgendwie ein Glücksmoment.
Der Rest der Woche (inklusive des Wochenendes) standen im Zeichen der Algebra und nur am Sonntag brachten Mama Belle und das Bruderherzchen ein bisschen Licht mit, als sie zum Burgeressen in die Unistadt kamen.
Alles in allem eher anstrengend als glücklich derzeit, aber das wird sicherlich bald besser. Toi toi toi…

K(l)eine Zweifel

Ich zweifle nicht wirklich an meiner Entscheidung und daran, ob es richtig ist, mit dem Freund zusammen zu ziehen. Das klingt in diesem Satz sogar noch unsicherer als es tatsächlich ist, also noch einmal ganz deutlich: Ich weiß, dass das genau das ist, was ich will. Genau so möchte ich leben (und wenn man mal ehrlich ist, dann leben wir schon seit längerem genau so, bloß nicht offiziell und jeder hat noch eine eigene Wohnung).

Trotzdem ändert das leider in keinster Weise den immer mal wieder aufflammenden Impuls, wegzulaufen. Mein alltime-favourite der irrationalen Reaktionen, mein Pro-Tipp für besonders erwachsenes Verhalten. Der Freund weiß das, aber ich glaube nicht, dass ihm bewusst ist, wie stark dieser Impuls sein kann.
Mich auf ihn einzulassen erfordert eine Menge Mut, und vor allem eine Art Mut, die ich nie gehabt habe. Die Zukunft ängstigt mich und wie er sein wird, wie ich sein werde. Mich auf das zu freuen, was in ein paar Jahren sein wird, ängstigt mich. Es wäre viel schmerzhafter, so unendlich schmerzhaft, etwas zu verlieren, das man nie gehabt hat – aber hätte haben können. Leider Zum Glück ist es zu spät, hier unbeschadet wieder raus zu kommen, also Augen zu und durch. Das Glück, ihn bei mir zu haben, entschädigt für die Angst.
Endlich nicht mehr feige sein, wenigstens hier nicht.

Weglaufen kann ich anderswo.

Glücksmomente 28/2015

Normalerweise sammelt Pia von daily-pia.de jede Woche Glücksmomente und für diese Woche hatte ich mir fest vorgenommen, dort auch mal mitzumachen. Stellvertretend dieses Mal jedoch bei blumenpost.
Vorhang auf!

Am Montag waren wir nach einem langen, warmen Unitag abends im Freibad. 1000 Meter geschwommen, ein Glücksmoment der anderen Art – wieder einmal mich selbst besiegt. Da nach dem Freibadbesuch noch eingekauft werden musste, konnten wir uns am örtlichen Real noch leckere Döner gönnen, was gibt es besseres? Und auch der Einkauf bot mit der einen oder anderen Anschaffung für die neue Wohnung Glückskribbel-Potential.

Der Dienstag wartete übertrieben früh (wie gut, dass das Semester bald vorbei ist) mit Muskelkater auf. Ja, auch das kann glücklich machen, zeigt es doch, dass man etwas geleistet hat.

Mittwoch und Donnerstag überzeugten durch warme Temperaturen, aber der erste richtige Glücksmoment kam erst am Freitag. Nach einem warmen Unitag, der mit einer Vorlesung begann und mit einem Sondervortrag anlässlich des diesjährigen Weierstraß-Jahres endete (bei dem wir einen waschechten Träger der Fields-Medaille aus der Nähe sehen konnten!), verbrachten wir den heißen Abend bei frisch umgezogenen Freunden auf dem Balkon. Viel gegessen, eine große Runde durch den Park gemacht und einige schöne Fotos.

Der Rest des warmen Wochenendes wurde zum Regenerieren genutzt, auch sehr angenehm. In diesem Sinne: bis zu den nächsten Glücksmomenten!

Kurzer Monatsrückblick (06/15)

Orientiert an den bekannten Jahresrückblicken versuche ich mich mal an einem Monatsrückblick. Mit Fokus auf den guten Dingen, Optimismus und so.

Wie war der Monat?

Gar nicht mal so schlecht. Zu Beginn des Monats haben wir endlich so richtig angefangen, nach Wohnungen zu suchen. Kleines Highlight war dabei natürlich die Besichtigung der Wohnung, die wir nun auch bekommen haben.
Allerdings ist zur Zeit auch jeder Tag emotional anstrengend. Alles in allem bekommt der Monat 4 von 5 Punkten.

Zugenommen oder abgenommen?

Abgenommen, und ich arbeite noch daran. Von 77 auf aktuell 74,5 Kilo.

Mehr ausgegeben oder weniger?

Diesen Monat eine ganze Menge. Kaufrausch für die neue Wohnung, der hat ganz schön reingehauen.

Mehr bewegt oder weniger?

Relativ regelmäßig schwimmen gewesen, allerdings nicht täglich was gemacht. Also ausbaufähig…

Das leckerste Essen?

Selbstgemachter Flammkuchen, der war der Hammer (und hat den Freund und seinen Besuch gleichermaßen begeistert).

Die beste CD?

Mika hat mich vor kurzem echt aufs Neue von den Socken gehauen. „The origin of love“ von ihm ist und bleibt meine Platte des Monats.

Die meiste Zeit verbracht mit?

Den Kommilitonen und dem Freund.

Die schönste Zeit verbracht mit?

Dem Freund und der Familie.

Das Highlight des Monats?

Unterzeichnung des Mietvertrags. Wie unglaublich aufregend!

Mal sehen, wie der Juli wird.

Big news

Kurz-vor-Klausur-Zeit, Lernzeit, Prokrastinationszeit – wie sehr sich manches verändert hat und wie gleich doch alles immer wieder ist.

Seit dem letzten Blogeintrag ist einige Zeit vergangen. Inzwischen ist das Sommersemester fast vorbei, Belle hat eine Menge gelernt und der Freund ist mehr denn je Teil ihres Lebens. Warum?
Spätestens zum ersten September, wohl eher schon im August, werden er und sie gemeinsam in eine eigene Wohnung ziehen. Also raus aus dem WG-Leben, weg von Klopapier-Desaster und dreckigen Küchen, in schwindelerregender Geschwindigkeit auf ein neues Leben zu – und das ist gut.

Zwischendurch erschreckt es mich, wie verbindlich so ein Zusammenziehen alles macht. Wie sehr es in näherer Zukunft Alltag werden wird, sehr erfreulicher Alltag, mit dem Freund zusammen zu wohnen. Gedanken darüber, wie man sich organisiert, wie man Freiräume schafft und das Zusammenleben dann einfach genießen kann. Ich möchte wieder mehr Zeit finden, meine Gedanken zu formulieren. Immer wieder gerät mir in Vergessenheit, wie gut das tut. Sich Dinge von der Seele zu reden, zu schreiben, zu denken.

Zeit zu finden

Langsam geht, ich merk es kaum,
Die Sonne unter über’m See.
Lehn schon zu lang an diesem Baum;
Inzwischen tut mein Rücken weh.

Wo kommen all die Vögel her?
Schweigend sitz ich hier und staune
Still lausche ich, hör immer mehr,
Wo ist sie hin, die schlechte Laune?

Für Dinge, die so herrlich sind,
(das denk ich, als die Vögel schwinden)
Ob Sonnenschein, ob rauer Wind,
Lass mich doch öfter Zeit mal finden.

Zeit zu finden für die großen Dinge und die kleinen. Mit der Berlinerin zu telefonieren, Briefmenschen zu antworten, Zeit, die „Zeit“ zu lesen. Zu bloggen, ein wenig.

Ob das schaffbar ist?