Manchmal so fremd

Manchmal blickt er auf, hochgeschreckt aus seinen Gedanken und viel zu plötzlich von einer in eine andere Welt gerissen, von seiner in die Welt seiner Mitmenschen. So vertieft in ihre Gespräche sind sie, dass niemand etwas merkt: Nicht, wie er von einem zum nächsten Gesicht blickt; nicht wie er aufgibt, ihrem Gespräch zu folgen, und trotzdem vorgibt, ganz dort zu sein; nicht wie alles, was sie sagen, sich nahtlos in das Rauschen um seine Ohren einfügt.
Manchmal, für kurze Momente, überwältigt ihn ein Anflug von Panik. Was, wenn sie ihn plötzlich nicht mehr hören, nicht verstehen können – so wie er sie nicht versteht? Was, wenn sie ihn ansehen und erkennen, was in ihm vorgeht?
Nein, die Gefahr besteht wohl nicht, ist doch trotz all der lauten Worte jeder so sehr mit sich selbst beschäftigt.

Kristin scherzt und lacht, doch ihre Augen sind ernst. Schaut man länger hin, genauer, dann kann man erkennen: Auch der Rest von ihr ist angespannt. Ihr Rücken ist so gerade, ihre Schultern so unbeweglich, dass er sich regelrecht fragt, wie um alles in der Welt sie nur atmen kann.

Luka grinst immer so breit, dass kaum mehr als seine Zähne zu sehen sind. Ebenso wie Kristin scheint er tatsächlich locker und entspannt zu sein, doch vermeidet er es – ob bewusst oder unbewusst – über sich selbst zu reden. Luka, denkt er, verbirgt sich sogar vor sich selbst.

Im Gegensatz zu den meisten anderen hört er Jonas‘ Stimme sehr selten. Manchmal fühlt er sich dadurch gerade ihm besonders verbunden, aber meistens ist er noch viel fremder als all die anderen. Schließlich schafft es kaum jemals etwas von Jonas zu ihm, durch die dicken Wände hindurch, die anscheinend nur von laut und groß und viel durchbrochen werden können.

Und dann ist da noch Lars, der pöbelt und schimpft und blöde Sprüche klopft und sich selbst wirklich ziemlich witzig und unwiderstehlich zu finden scheint. Auch das scheint nur so, aber das sehen wohl nicht viele – obwohl die fiesesten Sprüche, die immer auf Sticheleien und Kritik an Lars folgen, seine Unsicherheit doch so deutlich zeigen.

Wie können die alle so viel denken und trotzdem so… da sein? Wie kann in all diesen Menschen so viel vorgehen und trotzdem wirken sie so vollkommen? So als müsste das so sein?
An manchen Tagen fragt er sich, ob er auch so wirkt, aber das kann nicht sein. Er sitzt da und schaut die anderen an und schwimmt fort von ihnen auf den ganzen Worten, die sie reden. Wie riesige Wellen überschwemmen sie ihn und warten, sitzt er auch noch so still, auf ein Zeichen der Schwäche.
Aber er sitzt und schaut und rührt sich nicht von der Stelle, obwohl er rennen will bis zur Erschöpfung und irgendwo fern von all diesen Wortungetümen umfallen. Weg von all dem Lärm, von den Blicken und den Gesichtern, in denen man so viel lesen kann, häufig so viel mehr als man will.

Wo er sich nicht so fremd fühlt und so falsch, wo er nicht abwägen muss zwischen Anpassung und Authentizität.

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