Kopfschüttelnd

Der Begriff der Toleranz ist für mich jahrelang ein ziemlich abstraktes Ding gewesen. Das lag nicht etwa daran, dass mein Elternhaus ausgesprochen intolerant gewesen ist – ganz im Gegenteil: Das Wort Toleranz, abgeleitet von dem lateinischen Wort tolerare für erleiden, ertragen, erdulden, erschien meinem Vater unpassend in Bezug auf Ausländer, Homosexuelle, oder was auch immer es so zu tolerieren gab und gibt.

Die kleine Belle ist aufgewachsen mit lesbischen besten Freundinnen ihrer Mutter, Besuchen in den Asylbewerberwohnungen des Heimatortes sowie dazugehörigen Behördengängen mit ihrem Vater, und der Selbstverständlichkeit, dass weder „schwul“ noch „behindert“ Schimpfwörter sind. Das Wort „Akzeptanz“ fiel bei uns wesentlich häufiger als die allseits beliebte Toleranz.

Nun ist es mir ein bisschen peinlich zuzugeben, dass eine gravierende Erkenntnis beinahe 21 Jahre lang auf sich hat warten lassen: Es gibt ja Menschen, die wirklich einfach so denken. Die Schwule beleidigen, weil sie schwul sind, oder Ausländer, einfach weil sie nicht in Deutschland geboren sind.

Vor kurzem lernte ich den Bekannten eines Freundes kennen, eines Freundes, den ich wirklich sehr schätze und für intelligent halte. Besagter Bekannter war mir schon von Beginn an irgendwie ein bisschen unheimlich. Also, nicht unheimlich im Sinne von gruselig, sondern vielmehr irgendwie nicht so ganz geheuer.
Nachdem wir uns vielleicht zehn Minuten kannten, erzählte er mir, wie wenig ernst er gläubige Christen nehmen könnte. Wenige Sekunden und einen Blick auf das um meinen Hals baumelnde Kreuz später räusperte er sich peinlich berührt in die Stille hinein (ich hatte nicht einmal in Erwägung gezogen, darauf irgendetwas zu erwidern) und stellte nach einiger Zeit fest, dass er sich damit wohl keine Freunde machen würde. Ich nickte zustimmend und schwieg weiter. In dem Moment kam unser gemeinsamer Freund zurück und die peinliche Situation war vorbei.
Das wäre mir wohl gar nicht so im Gedächtnis geblieben, wenn es meinem neuen Kumpel nicht ein paar Stunden später souverän gelungen wäre, in nur einem einzigen Satz über den bösen deutschen Staat, Schwule und Ausländer gleichzeitig herzuziehen. Ich war so beeindruckt, dass mir die Worte fehlten.
Im Nachhinein kam nun die Erkenntnis, dass ich wahrscheinlich deswegen so erschüttert bin, weil ich noch nie zuvor jemandem begegnet bin, der so stolz eine so verquere Denkweise postulierte. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen – ein Mensch, der gerade eben zwanzig Sätze angefangen hatte mit „Diese ganzen Asylanten…“ und ähnlichem, erklärt mir kurz darauf, dass die Frauenquote übelste Diskriminierung sei und er es nicht unterstützen könne, wenn einer Gruppe Menschen aufgrund einer bestimmten Eigenschaft (in diesem Fall dem Mann-sein) anders behandelt würde. Dies war genau der Moment, in dem ich hysterisch loslachen musste und der Freund, der diesen Abend initiiert hatte, mir einen entschuldigenden Blick zuwarf. Dazu fällt mir ein, dem muss ich noch das Fell über die Ohren ziehen!

Und so bleibt Belle kopfschüttelnd zurück. Kopfschüttelnd über das, was Dummheit und Angst aus Menschen zu machen vermag.