Kurz und schmerzvoll

Ich bin Trennungskind, seit sechseinhalb Jahren schon. Die Tatsache, dass ich zwanzig, erwachsen und fürchterlich vernünftig bin, ändert aber leider nicht das geringste daran, dass ich noch immer darunter leide. Nicht ständig, aber immer mal wieder.

Zum Beispiel, wenn ich seine Adresse aufschreibe, die eben einfach nicht unsere ist. Weil mir dann bewusst wird, dass sein Zuhause nicht meines ist, dass ich in seiner Wohnung irgendwie immer nur Gast bin – genau so, wie er in meinem Elternhaus. Und das, obwohl auch er jahrelang dort gewohnt hat.

Zum Beispiel, wenn mir auffällt, dass ich vergesse, wie es war, mit ihm zusammen zu wohnen. Wie es war, wenn er einfach da war. Wenn man leise sein musste, weil er vom Nachtdienst kam, oder wenn man sich um das letzte Schnitzel gestritten hat. Wie es ist, zu wissen: Ich lasse Mama nicht allein. Sie hat jemanden.

Zum Beispiel, wenn ich zufällig mitbekomme, dass er überhaupt nicht versucht hat, eine Wohnung in unserer Stadt zu finden, sondern lieber in die Stadt der Blondine gezogen ist. Ich verstehs ja. Er verbringt viel mehr Zeit mit ihr als mit uns, und einmal alle zwei Wochen kann man dann auch ein paar Kilometer fahren. Aber trotzdem!

Zum Beispiel, wenn ich über Wochen hinweg nur über whatsapp mit ihm Kontakt habe, weil er beschäftigt ist. Und weils eben nicht mal eben ist, dass man sich sehen kann. Einfach, weil ich mehr von meinem Papa haben will als eine Nachricht alle paar Tage, und etwas mehr das Gefühl, dass ich ihm manchmal fehle.

 

(Ich weiß, dass es andere schwerer haben. Ist das nicht immer so? Ich weiß das sogar ziemlich gut, denn ich habe einige Freundinnen, die ihren Vater „wirklich“ verloren haben. Durch einen Hirntumor, Lungenkrebs, einen Schlaganfall. Aber muss ich mich jetzt schlecht fühlen, weil ich unter dem leide, was mir ganz persönlich das Leben schwer macht? Denn dieses Wissen macht es mir nicht leichter.)

Familiendings

Beim Ausmisten alter Schränke in meinem heimatlichen Zimmer bin ich vorgestern auf viele Dinge gestoßen – unter anderem auf eine Familiensatire, die ich vor gut fünf Jahren für den Deutschunterricht geschrieben habe. Inzwischen ist mein Vater umgezogen, es ist alles besser geworden, aber dieser Teil unseres gemeinsamen Lebens ist es doch wert, gelesen zu werden.
Trotzdem sollte man sich vor Augen halten: Es ist Satire, es ist überspitzt dargestellt und entsprach so nicht der Realität; und ich liebe meinen Vater. Küsschen!

Wieder einmal machte ich mich an einem nieselig-nebeligen Samstagmorgen auf den Weg zu meinem Vater. Das für einen Sommertag ja wohl ausgesprochen gute Wetter steigerte meine Lust auf ein katastrophal chaotisches Wochenende in der schneckenhausriesigen Wohnung meines Vater erheblich. Meine Ankunft bei dem kitschgrünen Zweifamilienhaus war typisch für die überaus geliebten Tage, die ich dort verbrachte: Auf mein Klingeln gab es ersteinmal rein gar keine Reaktion. Klar, vermutlich war die letzte Nacht kurz und der vorangegangene Abend lang und hochprozentig gewesen, da konnte ich es nicht erwarten, dass mein Vater morgens um halb elf schon in der Lage war, die Tür zu öffnen.
Glücklicherweise war auf seine Vermieterin ebensoviel Verlass wie auch meinen Erzeuger. Während man bei ihm mit nahezu an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit richtig lag, wenn man ihn zu dieser Zeit im Bett wähnte, konnte bei ihr garantiert davon ausgegangen werden, dass sie pflichtbewusst in der Küche stand und das Mittagessen vorbereitete. Und so konnte wenigstens sie mir die Tür öffnen, nachdem ich mir gefühlte zwei Stunden die Beine in den Bauch gestanden hatte.
Schon auf der Treppe nach oben hörte ich aus Papas Schlafkabuff laute Schnarchgeräusche, die definitiv nach zu viel Alkohol klangen. In weiser Voraussicht stellte ich schon einen Eimer und ein Glas Wasser mit Aspirin bereit, bevor ich mich zum Küchendschungel durchkämpfte.
Im Grunde könnte man hier sehr gut ein Survivelcamp durchführen und meine Vermutung war auch, dass es die Hauptbeschäftigung meines Vaters war, hier nach essbaren Nahrungsmitteln zu suchen.
Sollte man tatsächlich den Weg bis in die Küche gefunden haben, und das ohne größere Verletzungen und/oder Knochenbrüche, die von den im Dämmerlicht herumstehenden Kisten herrührten, wunderte man sich, in der Küche keinen organisierten Streichelzoo vorzufinden. Genügend Tiere waren jedenfalls vorhanden. Spinnen, Fliegen und Wespen gehört da eher noch zur harmloseren Sorte. Die Gattung des Tieres, das für den durchdringenden Verwesungsgeruch in der Bruchbude sorgte, kannte ich nicht. Und ich glaube, das wollte ich auch nicht.
Auf der Suche nach Nahrungsmittel, die mir beim Öffnen des Kühlschrankes noch nicht entgegensprangen, stieß ich nur auf eine klägliche Anzahl von Dosen, deren Inhalte noch kein Fell hatten. Ansonsten konnte man abenteuerliche, eindrucksvolle Gebilde ausmachen, von deren Erscheinung ich fasziniert bis erschüttert war. Die Kartoffeln beispielsweise hätte ich in ihren grünen Schimmelmänteln kaum noch als solche erkannt, und die flauschigen Nudeln hätte mein Bruder ohne zu zögern als Haustiere angenommen. Den Inhalt anderer Dosen habe ich gar nicht erst genauer unter die Lupe genommen, da ihr Haltbarkeitsdatum verriet, dass sie vor über einem Jahr gekauft und geöffnet worden sein mussten.
Als ich letztendlich entschieden hatte, zu den mitgebrachten Brötchen Rührei und die am nächsten Tag ablaufenden Würstchen zu servieren, stand ich vor dem nächsten Problem: Mein Vater hatte die Funktion von Herd und Spüle entweder noch nicht erkannt, oder ignorierte sie einfach nur konsequent. Es war undefinierbar, welche der Gerätschaften, die an der Spüle anghäuft waren, sauber, und welche dreckig waren. Aufgrund dieses permanenten Zustandes der Wohnung hatte ich mir schon vor längerem angewöhnt, sämtliche Gegenstände, die ich benutzen wollte, zunächst zu spülen.
Der nächste Tagesordnungspunkt meines Wochenend-Beschäftigungsprogramms bestand in einem Suchspiel: Finde die Herdplatte!
Aufgrund meiner guten Ortskenntnis wäre ich jeglichen potentiellen Gegenspielern (die es, so es sie denn gegeben hätte, vermutlich noch gar nicht bis in die Küche geschafft hätten) hochhaushoch überlegen gewesen und schaffte es sensationellerweise, die Kochplatte in weniger als 15 Minuten freizulegen. Ein neuer Rekord!
Schließlich hatte ich es trotz allen Widerigkeiten geschafft, ein durchaus akzeptables Frühstück zu zaubern und genau das war der Moment, an dem Papa in der Küchentür stand. Typisch, dass er das wieder roch.
Und der klägliche Blick, den er mir mit Ringen unter dem Augen zuwarf verriet mir eines: Sehr viel würde heute nicht mit ihm anzufangen sein.